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Katha Upanishad

Ein Gespräch mit dem Tod

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Heute möchte ich über ein besonderes Thema schreiben, denn heute am 2. November ist in Mexiko der Día de los Muertos – der Tag der Toten. Ich liebe diesen Tag und die Energie dieser Zeit und möchte dir heute ein wenig über die mexikanische Tradition erzählen und auch über eine spannende Geschichte aus der vedischen Lehre, in der der Gott des Todes, Yama, das Geheimnis des Lebens teilt. 

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Der Tag der Toten

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Es ist so spannend zu sehen, wie hier im Mexiko in dieser Zeit die Rückkehr der verstorbenen Seelen in unsere Dimension gefeiert wird. In jedem Haus werden Altare aufgebaut mit Fotos der verstorbenen, ihrem Lieblingsessen und Lieblingsgetränk, traditionelle Dekoration aus Papier, Kerzen und Blumen. All diese Elemente habe eine tiefere Bedeutung. Es sind zum Beispiel die orangen Studentenblumen – Cempasúchil, die die Brücke vom Reich der Toten in unsere Welt bilden. Die Alebrijes – bunte Figuren, die ein Mix aus Mystik und Tier sind, weisen den Seelen den Weg. Dabei bringt dieser Tag keinerlei negative Energie mit sich, ganz im Gegenteil. Es ist ein sehr positives, freudiges Fest, an dem die Liebe zu den Verstorbenen noch einmal aufblüht und gleichzeitig das Leben gefeiert wird.

Ich finde es faszinierend, dass es in den verschiedenen Kulturen während dieser Zeit ganz ähnliche Traditionen gibt: Halloween, der Tag der Toten nach der mexikanischen Mythologie, Allerseelen im Christentum und Yama Damstra in der vedischen Tradition fallen alle auf mehr oder weniger dieselben Daten. 

Spannend ist übrigens auch, dass auch in indischen Tempeln die Studentenblumen als Opfergabe in den Tempeln verwendet werden. Ich habe schon mehrer dieser Verbindungen zwischen mexikanischen und indischen Traditionen bemerkt. Es gibt dort vielleicht eine Verbindung zwischen den alten Kulturen der beiden Welten, wer weiß. Deshalb ist dieser Artikel heute auch ein indisch-mexikansicher Mix. Lass uns jetzt vom Tag der Toten in Mexiko in die vedische Tradition aus Indien übergehen.

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Yama und Naciketa

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Es gibt eine sehr schöne Geschichte über Yama – den Gott des Todes, die in der Katha Upanishad erzählt wird. Ich habe die Katha Upanishad zum ersten mal im Philosophie Unterricht in Rishikesh mit meinem Lehrer Siddharta Krishna studiert. Diese Geschichte aus der Katha Upanishad ist bis heute eine meiner liebsten Lehren über Yoga:

Der Vater von Naciketa wollte ein großes Opfer verrichten, indem er all seine Besitztümer weggab. Allerdings nutze Naciketas Vater diese Möglichkeit aus, und gab nicht nur die gesunden Tiere weg, sondern befreite sich auch von alten, kranken und sterbenden Kühen. Naciketa war ein sehr weiser Junge mit reinem Herz und wusste, dass sein Vater das Opfer auf diese Art nicht richtig verrichtete. Um seinen Vater vor schlechtem Karma zu schützen, bat Naciketa ihn, auch ihn wegzugeben. Er fragte seinen Vater „An wen wirst du mich geben?“ Und der Vater antwortete, wütend über das Verhalten von seinem Sohn: „Dich gebe ich an den Tod!“

Und so ging Naciketa ins Reich von Yama, dem Gott des Todes. Yama war gerade nicht zu Hause, und so wartete Naciketa 3 Tage und 3 Nächte auf Yama. Als Yama zurückkehrte, fand er Naciketa, der seit 3 Tagen nichts gegessen hatte. Es ist eine sehr schlechte Sitte, Gäste warten zu lassen und nicht mit Essen und Unterkunft zu versorgen. Weil Naciketa 3 Nächte auf Yama warten musste, sagte Yama zu ihm: „Du hast 3 Nächte auf mich gewartet, lass mich dir als Entschädigung 3 Wünsche erfüllen!“

Naciketas erster Wunsch war, dass sein Vater nicht mehr wütend auf ihn sein sollte und ihn nach seiner Rückkehr freudig wieder in sein Haus aufnehmen sollte. Yama gewährte ihm diesen Wunsch.

Naciketas zweiter Wunsch war, das himmlische Feuerritual zu lernen. Yama unterrichtete ihn und zeigte ihm, wie das Feuerritual korrekt ausgeführt wird. 

Als dritten Wunsch bat Naciketa Yama, ihm das Geheimnis des Todes zu verraten. Yama hielt es aber für keine gute Idee, diesen Wunsch zu erfüllen, und bat Naciketa irgendetwas anderes zu wünschen. Er bot Naciketa Reichtum, viele Kinder und Enkelkinder, Land, schöne Frauen und ein langes Leben an. Er bittete Naciketa, sich doch etwas anderes zu wünschen als das. 

Naciketa antwortete, dass all diese Dinge vergänglich sind. Nur diejenigen, die unwissend sind, glauben, dass diese vergänglichen Dinge zu wahrhaftigem Glück führen werden. Die Weisen wissen jedoch, dass es das Loslösen von den vergänglichen Objekten ist, das wahrhaftig glücklich macht. Deshalb sagte Naciketa zu Yama, dass er an seinem Wunsch festhielt. Er wollte unbedingt wissen, wie ein Mensch Unsterblichkeit erlangen kann und so dem Griff von Yama entkommt. 

Yama entschied, dass Naciketa ein weiser Junge war, der es durch seine Reinheit und Weisheit verdient hatte, die Weisheiten der Seele zu erfahren. Er sagte zu Naciketa:

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„Oh Nachiketas! Hört mir aufmerksam zu. Ich werde Euch den Weg sagen, auf dem man Unsterblichkeit erlangt. Den Menschen bindet sein Verlangen. Dieses Verlangen wird in den Sinnen geboren und bindet ihn an den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Er muss sein Verlangen zerstören und Geist und Sinne unter Kontrolle bringen. Dies ist der erste Schritt. Der Körper ist wie ein Kutsche, die Sinne sind die Pferde, das Gemüt entspricht den Zügeln und der Geist dem Kutscher. Die Pferde galoppieren nach den Sinnesobjekten und nehmen die Kutsche mit sich. Sie müssen auf den richtigen Pfad gelenkt werden. Der, der kein Unterscheidungsvermögen hat und dessen Geist stets unkontrolliert ist, dessen Sinne sind unkontrolliert wie durchgehende Pferde. Doch der, der versteht und dessen Geist stets unter Kontrolle ist, dessen Sinne sind unter Kontrolle wie gut dressierte Pferde. Er erreicht sein Ziel und erfährt keine Wiedergeburt mehr. Er erreicht das Ende seiner Reise, Vishnu Loka, den Planeten Vishnus.

Meditiert über das Eine, das Ewige, den Atman, das, was in der Höhle Eures Herzens wohnt. Fixiert Euren Geist auf das höchste Selbst. Wenn alles Verlangen der Sinne zerstört ist, wenn die drei Knoten des Unwissens zerschlagen sind, werdet Ihr Unsterblichkeit, auch Selbstverwirklichung oder Brahma Jnana genannt, erreichen. So könnt Ihr den Tod besiegen, Oh Nachiketas! Dies ist das Geheimnis des Todes.

Dieser Atman kann nicht von lustbetonten oder schwachen Menschen gefunden werden. Er kann nicht durch Diskurse, logische Argumentation oder das Studium irgendwelcher Texte gefunden werden. Das Selbst offenbart sich nur denen, die es auswählt. Die Wahl des Selbst wird durch die Reinheit und die Selbstlosigkeit des Lebens eines Aspiranten bestimmt.

Stehe auf! Erwache! Habt Ihr große Lehrer gefunden, lernt und realisiert den wundervollen Atman. Der Pfad zu ihm ist schmal wie eine Rasierklinge, schwer zu begehen und schwierig zu vollenden – so sagen die Weisen.“

Aus der Zeitschrift „Divine Life“ geschrieben von Swami Sivananda

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So weist Yama seinen Schüler in die Geheimnisse von Leben und Tod ein und teilt mit ihm die Lehre des Yoga. 

Das Bild der Kutsche wird im Yoga oft verwendet. Ich glaube es ist eins der passendsten Erklärungen, um zu verdeutlichen, was wir mit unserer Praxis tun: Wir lernen durch die Asanas, den Geist und die Sinne unter Kontrolle zu bringen. Anstatt uns von ihnen leiten zu lassen und blindlings und unkontrolliert durch unser Leben zu jagen, lernen wir, die Sinne zu disziplinieren, sodass wir bewusst entscheiden können, wohin unsere Kutsche fährt.

Die Upanishaden sind vedische Texte, die aus Gesprächen zwischen Lehrer und Schüler bestehen. Es wird durch diese Form eine Lehre über das Leben mit dem Leser geteilt. Die Upanishaden beantworten Fragen über das Leben, den Sinn des Leben, die eigene Essenz und den Weg des Yoga. Wenn dich die Geschichte von Naciketa inspiriert, findest du bestimmt auch in den anderen Upanishaden spannende Erkenntnisse, die nicht nur deine Yogapraxis, sondern auch alle anderen Aspekte deines Lebens bereichern können.

Deine Laura

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