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Ahimsa

human nature

Ashtanga Yoga

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Ahimsa ist der erste Punkt der 5 Yamas und somit der allererste Schritt auf dem Weg des Ashtanga Yoga. Ashtanga Yoga ist der Pfad, den Patanjali für uns in den Yoga Sutras darlegt. Er gibt uns mit der Lehre des Ashtanga Yoga einen Weg an die Hand, dem wir folgen können. Die Yoga Sutren sind wie eine Art Handbuch des Yoga und eine der wichtigsten Schriften über Yoga, die es gibt. Ashtanga Yoga bedeutet die 8 Teile oder 8 Aspekte des Yoga. 

Ashtanga Yoga ist die praktische Anleitung um, die Zügel unseres Lebens wieder selbst in die Hand zu nehmen und die Kontrolle über unseren Geist und unser Leben zurückzuerlangen. Die acht Teile des Ashtanga Yoga sind:

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Ashtanga:

Yama – soziale Grundsätze

Niyama – persönlichen Grundsätze

Asana – Haltung

Pranayama – Kontrolle und Regulierung des Atems

Pratyahara – Das Nach-Innen-Kehren der Sinnesorgane 

Dharana – Konzentration

Dhyana – Meditation

Samadhi – komplette Selbsterkenntnis 

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Die Yamas und Niyamas bestehen jeweils aus 5 Grundsätzen, die zusammen das Fundament einer jeden Yogapraxis bilden:

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Yamas: 

Ahimsa – Gewaltfreiheit 

Satya – Ehrlichkeit 

Asteya – Nicht-Stehlen 

Brahmacharya – Enthaltsamkeit

Aparigraha – frei sein von Habgier

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Niyamas:

Saucha – Reinheit 

Santosha – Zufriedenheit

Tapas – Selbstdisziplin  

Svadhyaya – Selbsterforschung

Ishvara Pranidana – Hingabe an Gott 

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Was bedeutet Ahimsa?

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Ich bin mir sicher, dass nichts in den Yoga Sutren zufällig ist und dass es seinen Grund hat, dass Ahimsa der allererste Punkt der insgesamt 16 Aspekten (5 Yamas, 5 Niyamas, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi) des Ashtanga Yoga ist.

Ahimsa ist Sanskrit und besteht wörtlich aus der Vorsilbe a- und dem Sanskrit Wort himsa. Himsa bedeutet Gewalt oder Töten, die Vorsilbe a– gibt das Gegenteil an. Ahimsa ist also das Gegenteil von Gewalt: Gewaltfreiheit oder nicht zu töten.

Wie alle Aspekte des Yoga und Wörter auf Sanskrit, bietet auch Ahimsa sehr viel Interpretationsraum und wurde von verschiedenen Lehrern und Weisen auf unterschiedliche Art und Weise genutzt und beschrieben.

Eine meiner liebsten Beschreibungen von Ahimsa stammt aus der Mahabharata

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Ahimsa is the highest Dharma, Ahimsa is the highest self-control,

Ahimsa is the greatest gift, Ahimsa is the best practice,

Ahimsa is the highest sacrifice, Ahimsa is the finest strength,

Ahimsa is the greatest friend, Ahimsa is the greatest happiness,

Ahimsa is the highest truth, and Ahimsa is the greatest teaching.

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Ahimsa ist das höchste Dharma, Ahimsa ist die höchste Selbstkontrolle,

Ahimsa ist das größte Geschenk, Ahimsa ist die beste Praxis,

Ahimsa ist die höchste Opfergabe, Ahimsa ist die feinste Stärke, 

Ahimsa ist der beste Freund, Ahimsa ist das größte Glück, 

Ahimsa ist die höchste Wahrheit und Ahimsa ist die größte Lehre.

Mahabharata (Mahaprasthanika Parva 37-38)

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Ahimsa ist Liebe

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Ahimsa bedeutet wörtlich Gewaltfreiheit. Was bedeutet es frei von Gewalt zu sein, wenn wir Ahimsa von der positiven Seite aus betrachten, anstatt von der negativen „nicht-Gewalt“ Seite? Ahimsa bedeutet Liebe. Das Gegenteil von Gewalt ist Liebe, Freundlichkeit, Mitgefühl, Empathie. 

Ich glaube, dass Ahimsa – als erster Punkt des Ashtanga Yoga – nichts ist, was wir erlernen können. Ahimsa ist unsere wahre Natur. Ahimsa ist die Basis der Lebenskraft, die diesem Universum zugrunde liegt und ich glaube fest daran, dass jeder Mensch und jedes Wesen im Herzen Ahimsa ist. Wir sind Ahimsa. Unsere Aufgabe ist es, uns wieder daran zu erinnern. Die Menschheit lebt in einem seltsamen Zustand der kollektiven Amnesie, wir haben vergessen, wer wir sind und was wir hier machen. Für mich ist Ahimsa wie ein roter Faden, der uns den Weg zu unserer Essenz zeigt.

Ahimsa in Asana

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Was bedeutet Ahimsa für uns als Yoga Übende in unserer täglichen Praxis? 

Ahimsa in der Praxis aufrecht zu halten erfordert komplette Ehrlichkeit mit uns selbst und wie immer ist es unsere Aufgabe die richtige Balance zu finden. Eine Balance zu finden bedeutet immer, dass es zwei Seiten gibt. Was sind die zwei Seiten von Ahimsa in der Asanapraxis?

Ahimsa kann einerseits als sehr sanft, langsam, weich und passiv interpretiert werden. Wenn wir unsere Yogapraxis nach diesen Parametern aufbauen, wird unsere Praxis ebenfalls passiv, entspannend und sanft. Das kann – in bestimmten Momenten – genau das sein, was wir brauchen – jedoch ist es das nicht immer. Denn die Kehrseite ist, dass wir nicht genug tun. Wir erlauben dem Körper, in sein Tamas, in seine Schwerfälligkeit und Trägheit zu kommen. Die Energie in uns stagniert, die Muskel bauen ab und werden steifer und der Körper verliert an Kraft und Vitalität – ein perfekter Nährgrund für Krankheiten.

Dieses „zu-wenig-tun“ ist also auf lange Sicht eine Form von himsa. Wenn wir zu wenig arbeiten, den Körper faul und träge sein lassen, ist das eine Form von Gewalt gegen uns selbst! Der Körper braucht Bewegung, Aktivierung, Mobilisierung. Das Herz-Kreislaufsystem in Schwung bringen, schwitzen, hart arbeiten – der Körper braucht all das! Wenn wir ihm diese gesunde Form der Bewegung verweigern, indem wir in zu viel Passivität und Entspannung verfallen, dann verletzen wir uns letztendlich selbst.

Die andere Seite ist natürlich, dass wir zu viel tun. Dass wir zu viel üben, dass wir über unsere Grenzen hinausgehen und uns keine Pausen gönnen. Wenn wir nicht wissen, wann Schluss ist und unsere Energiereserven komplett ausschöpfen, dann führt auch das zu Dysbalancen unserer Gesundheit. 

Ahimsa im Yoga kann auch bedeuten, dass wir zu ehrgeizig sind und auf Teufel komm raus versuchen, komplizierte Asanas zu machen, wenn unser Körper einfach noch gar nicht dafür bereit ist. Wenn wir beginnen uns in der Klasse mit anderen zu vergleichen und innerlich unseren Körper dafür verurteilen, dass er nicht so beweglich, stark, gesund, dick, dünn, groß, klein oder was auch immer ist, wie der Körper von jemand anderem, dann ist das himsa

Ahimsa in Asana zu leben, bedeutet, jeden Tag aufs Neue zu schauen, was die aktuelle Situation ist und dementsprechend die Praxis anzupassen. Und dies erfordert, wie ich schon erwähnt habe, brutale Ehrlichkeit mit uns selbst. Denn sowohl der Körper als auch der Geist haben die Tendenz, uns ein bisschen auszutricksen und uns ihre Stories darüber zu erzählen, dass es gerade vielleicht besser ist, noch ein wenig länger zu schlafen, als Yoga zu machen. 

Der Körper wird von Tamas regiert und ist von Natur aus träge und faul. Gleichzeitig ist der Geist darauf gepolt, den Ist-Zustand zu bewahren und steht Neuem immer skeptisch gegenüber. Deshalb bedeutet Ahimsa in Asana meistens mehr zu tun, als uns in dem Moment lieb ist. Wie gesagt – nicht immer – aber meistens tun wir uns selbst einen Gefallen, wenn wir uns ein bisschen mehr pushen.

Ahimsa im Alltag

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Wenn wir Ahimsa als Liebe interpretieren, dann ist alles was dem entgegensteht, eine Form von himsa – Gewalt. Angst ist eine sehr starke Emotion, die ganz tief in uns verankert ist. Der Zweck von Angst ist, unser Überleben zu wahren. Wenn wir beispielsweise Angst davor haben, zu Fuß über die Autobahn zu laufen, dann ist das eine gute Angst, die uns beschützen will. Leider ist in unserer Gesellschaft das Level an Angst ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Tagtäglich werden wir mit angsterfüllten Nachrichten bombardiert und werden unseren Mitmenschen und dem Leben gegenüber immer misstrauischer. Ahimsa hier wieder in unser Leben zu bringen, bedeutet, wieder zu vertrauen. Zu vertrauen, dass wir beschützt sind, dass das Leben für uns ist und dass wir in Sicherheit sind. Gewalt wird immer aus Angst heraus geboren. Vertrauen ins Leben und in uns selbst ist hier das wichtigste Gegenmittel. 

Auch in meiner Ayurveda Ausbildung war Ahimsa das Herzstück der gesamten Lehre. Wir haben jeden Tag mit einem Gebet gestartet, dass wir uns von Ahimsa in unserer Gedanken, Worten und Taten leiten lassen. Ich beginne seit Jahren jeden Tag mit diesem Gebet. Es hilft mir, mich darauf zu besinnen, zu vertrauen, bewusst zu entscheiden und Freundlichkeit und Liebe an erste Stelle zu stellen.

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„Ahimsa teaches us how to become human.“

Maya Tiwari

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Ahimsa in der Ernährung

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Ahimsa in der Ernährung bedeutet ganz klar, keinem Lebewesen Leid zuzufügen. Eine vegetarische/vegane Ernährungweise ist dafür die Grundvoraussetzung. Das bedeutet aber absolut nicht, dass nur Vegetarier/Veganer Yoga machen dürfen.

Yoga ist für jeden Menschen da, unabhängig von Religion, Alter, Geschlecht, Kultur oder Herkunft. Bezogen auf die Ernährung kann selbstverständlich jeder Mensch mit Yoga starten – egal wie er oder sie sich ernährt. 

Je mehr wir Yoga machen, und uns selbst weiterentwickeln, umso mehr findet jedoch ein Wandel in uns statt, der sich auf alle Ebenen unseres Lebens ausübt. Wenn wir auf dem Yogaweg Fortschritte machen und mit ganzem Herzen üben, kommen wir früher oder später an den Punkt, an dem wir unsere Essgewohnheiten hinterfragen. 

Für Anfänger*innen ist eine vegetarische Ernährung kein Muss. Für fortgeschrittene Yogi*nis ist es eine Selbstverständlichkeit. 

Das Spannende ist, dass dieser Wandel nichts ist, was von außen auferlegt wird. Durch unsere Praxis werden wir sensibler und beginnen unsere Gewohnheiten auf allen Ebenen zu hinterfragen. Irgendwann kommt ganz automatisch der Punkt, an dem wir es einfach nicht mehr über Herz bringen, zu unterstützen, dass ein anderes Lebewesen getötet wurde, um uns ein wenig Genuss zu verschaffen. Unsere Empathie, unser Ahimsa, gegenüber allen Wesen ist durch die Asanapraxis stärker geworden und resultiert automatisch in einem Wandel, der auf ganz natürliche Art stattfindet. Unsere Integrität erlaubt uns ab einem bestimmen Punkt nicht mehr, entgegen unserer inneren Weisheit zu handeln und ein Wandel in unserer Ernährungsweise ist das Resultat dieser Integrität.

Die Aspekte des Ashtanga Yoga werden oft als Blütenblätter einer Blüte beschrieben, und nicht als Leiter, um zu verdeutlichen, dass alle zusammen das Ganze bilden und wir nicht einen Aspekt nach dem anderen meistern müssen. Alle Aspekte kommen zusammen und bilden Yoga. Gleichzeitig unterstützen sich die Aspekte gegenseitig. Ahimsa hilft uns unsere Asanapraxis zu verbessern – gleichzeitig stärkt unsere Asanapraxis unsere Verbindung zu Ahimsa. Je mehr wir uns mit ganzem Herzen auf unsere Asanapraxis einlassen, umso stärker werden die Yamas und Niyamas in uns. In diesem Sinne kommen alle Aspekte immer mehr zusammen und unser Leben wird durch Yoga immer ganzheitlicher und wir erinnern uns mehr und mehr, dass Ahimsa unsere wahre Natur ist.

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Deine Laura

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