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Pratipaksa bhavanam

Gegen den Fluss schwimmen

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Yoga Sutra II.33: vitarka-bādhane pratipakṣa-bhāvanam

Zweifelhaften Angelegenheiten, die Yama und Niyama zuwiderlaufen, muss man mit der Kontemplation des Gegenteils begegnen.

Principles which run contrary to Yama and Niyama are to be countered with the knowledge of discrimination.

Yoga Sutren des Patanjali II.33

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Pratipakṣa bhāvana bedeutet gegen den Strom zu schwimmen. Patanjali bezieht sich hier auf alles, was den sozialen und persönlichen Grundsätzen der Yamas und Niyamas entgegen läuft. 

Dieses Prinzip des gegen den Strom schwimmens ist einer der wichtigsten Disziplinen, die wir für unsere persönliche und spirituelle Weiterentwicklung brauchen. Pratipakṣa bhāvana zu entwickeln erfordert Zeit, Geduld und Tapas – das Feuer der inneren Disziplin. 

Wir haben manchmal sowohl auf emotionaler, geistiger und auch auf körperlicher Ebene die Tendenz, Dinge zu tun, von denen wir wissen, dass sie uns eigentlich nicht gut tun – und dann machen wir sie trotzdem. Im Ayurveda wird dies Prajnaparada genannt, was so viel wie Delikt gegen die Weisheit bedeutet. In den Worten der Yogasutren ist dies Pakṣa bhāvana – das mit dem Strom gehen. Wir wählen den einfacheren Weg, anstelle des richtigen. 

Pratipakṣa und Pakṣa sind diese zwei Kräfte – entweder mit dem Strom mitzugehen (Pakṣa bhāvana) oder entgegen zu arbeiten (Pratipakṣa bhāvana).

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Emotionale Ebene

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BKS Iyengar schreibt in seinem Kommentar der Yoga Sutren, dass dieses Prinzip manchmal so beschrieben wird, dass wir versuchen sollten, fröhlich zu sein, wenn wir wütend sind. Oder freundlich, wenn wir aggressiv sind. So platt funktioniert die innere Arbeit aber natürlich nicht. Wenn wir wütend sind, dann sind wir wütend. Punkt. Uns in so einem Moment einzureden, dass wir friedlich und freundlich sind, entspricht einfach nicht der Wahrheit und bringt uns kein Stück weiter. Es geht also absolut nicht darum, uns selbst zu verleugnen.  

Es geht viel mehr darum, eine Ebene tiefer zu gehen, und zu schauen, woher diese Emotionen kommen. Sie zu fühlen, ihnen Raum zu geben, hinzusehen. In die Emotion reingehen, ist Pakṣa bhāvana. Ich glaube, wenn wir denken, dass wir auf dem spirituellen Weg bestimmte Dinge nicht fühlen oder sein dürfen und immer glücklich und freundlich sein müssen, dann haben wir etwas ordentlich missverstanden. Diese Emotionen sind menschlich und solange wir hier auf dieser Erde leben, werden wir all diese Emotionen fühlen, und das ist genau richtig so. 

Die Kunst ist, wie wir mit ihnen umgehen. Sie anzusehen, ganz ehrlich zu fühlen und zu verstehen, welche Bedürfnisse dahinter stecken, erfordert sehr viel Selbstkenntnis und Kontrolle. Und wenn wir das lernen, dann können wir auch lernen, diese Emotionen viel schneller einfach wieder gehen zu lassen. Emotionen bedeutet wörtlich Energie in Bewegung (E-Motion, Energy in Motion). Ich glaube die Kunst liegt darin, die Welle der Emotion zu spüren, wahrzunehmen, was sie uns sagen möchte und dann nicht daran festzuhalten.

So können wir mit viel Zeit und Disziplin lernen, weniger lang und weniger intensiv in Emotionen zu verfallen, die uns nicht gut tun. 

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Gedankliche Ebene

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Auch auf gedanklicher Ebene können wir das Prinzip von Pratipakṣa bhāvana anwenden. Denn wie oft denken wir Gedanken, die uns nicht gut tun?! (“Das wird doch eh nichts.”, “ich kann das nicht”, “Ich hab keine Zeit” usw.) 

Hör deinem inneren Dialog mal einen Tag lang ganz bewusst und aufmerksam zu und du wirst merken, dass oft Chaos, Durcheinander und Negativität vorherrscht. 

Eine fantastische Methode, um Pratipakṣa-bhāvana auf gedanklicher Ebene anzuwenden, habe ich gerade im Buch “Gespräche mit Gott” von Neale Donald Walsch gelesen (Absoluter Buchtipp!). Das Buch ist buchstäblich ein Gespräch mit Gott. Der Autor sagt, dass er dieses Buch nicht selbst geschrieben hat, sondern es einfach durch ihn durch seinen Weg in diese Welt gesucht hat.

Dort geht es unter anderem darum, wie wir die eigenen Gedanken kontrollieren können. Das zur Ruhe bringen der Gedankenwellen des Geistes ist Yoga, schreibt Patanjali (Sutra I.2). Es ist das Ziel unserer ganzen spirituellen Praxis, denn dann steht der vollen Erkenntnis des eigenen selbst nichts mehr entgegen. Um die Gedanken aus der Negativschleife rauszuholen und langsam in Pratipakṣa-bhāvana umzukehren, also gegenan zu gehen, schreibt der Autor in Gespräche mit Gott, dass wir eine ganz einfache Methode anwenden können: Wenn ein negativer Gedanken kommt, dann ist es als erstes unsere Aufgabe, diesen wahrzunehmen, zu catchen. Und dann sagen wir innerlich ganz bewusst “Stop!” zu uns selbst. Und dann: “Denk nochmal!”. Und dann wählen wir bewusst eine bessere Möglichkeit.

Beispiel: Nehmen wir an, du bist gestresst, hast viel zu tun und denkst immer wieder “Ich schaff das nicht, ich hab keine Zeit.”. Dann catchst du diesen Gedanken – wirst dir erst einmal bewusst darüber, dass er da ist, und fragst dich dann, was der positive Umkehrschluss dieser negativen Spirale sein könnte. Im Beispiel könnte es so etwas sein wie “Ich kann alles schaffen. Ich hab alle Zeit der Welt. Alles ist gut.” Und dann fühlt sich alles plötzlich ganz anders an. Wir erschaffen mit unseren Gedanken maßgeblich unsere Realität. Auf emotionaler Ebene ist es meiner Meinung nach nicht richtig, einfach das Gegenteil fühlen zu wollen. Dort geht es darum, in die Emotionen reinzugehen, anstatt vor ihnen wegzulaufen. Auf gedanklicher Ebene ist es aber anders. Denn unsere Gedanken liegen vor den Emotionen, ein Gedanke erschafft die Emotion, nicht anders herum. Und Gedanken können wir bewusst wählen und dadurch unsere ganze Realität verändern. 

Körperliche Ebene

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Das bewusste Innehalten, Wahrnehmen und neu Wählen, was ich eben bereits beschrieben habe, lernen wir durch die Asanapraxis. Durch die präzise Arbeit in den Asanas lernen wir, eine gewisse Distanz zu uns selbst herzustellen und lernen, unser Verhalten zu sehen und bewusst zu wählen. 

Auch in der Asana Praxis sind Pratipakṣa-bhāvana und Pakṣa-bhāvana spannende Kräfte, die in ständigem Wechselspiel sind. Der Körper ist von Tamas geprägt, der Qualität der Schwere, Schwerfälligkeit, Lethargie und Festigkeit. Das ist gut und richtig so, denn das gibt uns die nötige Stabilität und Struktur. Der Körper profitiert jedoch davon, wenn wir der Schwere durch Disziplin und Praxis entgegenwirken, wenn wir an uns arbeiten, in Bewegung kommen und unseren Körper kräftigen und mobilisieren. Das ist Pratipakṣa-bhāvana. Gleichzeitig gilt es in der Asanapraxis aber auch, mit gewissen Strömungen mitzugehen, mit dem Fluss der Atmung beispielsweise oder mit der Leichtigkeit, mit dem Schwung bei dynamischen Übungseinheiten. Das ist Pakṣa-bhāvana. Asana ist ein nie endendes Spiel dieser beiden Kräfte, die ineinander fließen und miteinander spielen – immer auf der Suche nach dem perfekten Gleichgewicht.

Deine Laura

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