BKS Iyengar beschreibt diese beiden Aspekte des Yoga als die zwei Flügel eines Vogels. Kein Vogel kann mit nur einem Flügel fliegen, und genauso kann unsere Praxis nur an Aufschwung gewinnen, wenn wir sowohl Abhyasa als auch Vairagya in unser Leben integrieren.
Was bedeuten diese zwei? Abhyasa ist Praxis. Es ist die aktive Praxis, das kontinuierliche Üben. Also unsere Asanapraxis, Pranayama oder bestimmte tägliche Routinen – all das ist Abhyasa. Der aktive Teil sozusagen.
Vielleicht fragst du dich jetzt schon, was denn dann Vairagya ist, wenn Abhyasa schon unsere gesamte Praxis umfasst.
Vairagya ist das bewusste Entsagen. Renunciation auf Englisch. Es ist ein ganz spannender Punkt. Denn in Abhyasa lernen wir aktiv Dinge dazu, ganz bildlich gesprochen, kannst du dir das so vorstellen, dass du durch deine Yogapraktiken deinen Container des Wissens auffüllst. In Abhyasa lernen wir Dinge und fügen neues Wissen, Weisheiten, Einsichten und Erkenntnisse zu unserem Wissenspool hinzu.
In Vairagya passiert das Gegenteil: Vairagya ist wie ent-lernen. Vairagya bedeutet entsagen, verzichten. Wie können wir das anwenden? Es geht bei Vairagya darum, all das, was uns im Weg steht, loszulassen. Im Laufe unseres Leben lernen wir Dinge und häufen Wissen, Ideen, Glaubenssätze und Vorstellungen über uns selbst, das Leben und unsere Mitmenschen an. Viele von diesen Dingen haben wir von anderen übernommen, in der Kindheit zum Beispiel von unseren Eltern und später von Freunden, Lehrern, Vorbildern oder einfach von Leuten, die wir vielleicht gar nicht richtig gekannt haben.
Die Sache ist, dass sehr sehr viel von all diesen Dingen, die wir im Laufe der Zeit gelernt haben und die ihren Teil dazu beitragen, wie wir unsere Realität sehen, nicht unbedingt richtig oder für unsere spirituelle Weiterentwicklung nützlich sind. Bestimmte Dinge und Glaubenssätze stehen uns vielleicht sogar komplett im Weg. Während wir mit Abhyasa also sozusagen das positive Wissensfass auffüllen, entleeren wir mit Vairagya das Wissensfass, das uns nicht mehr dient. Bei Vairagya geht es ums loslassen, ums ent-lernen.
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„Ein Vogel kann mit nur einem Flügel nicht fliegen. Er braucht deren zwei. Um das höchste spirituelle Ziel des Yoga zu erreichen, brauchen wir auch beide Schwingen des Yoga, Abhyasa und Vairagya.“
BKS IYENGAR
Während Abhyasa mehr aktiven Einsatz von uns verlangt, ist Vairagya der stillere Teil der beiden. Loszulassen kommt von innen heraus und erfordert unsere geistige Bereitschaft und vor allem Eigenverantwortung. Deshalb glaube ich, dass Vairagya vielleicht sogar der schwierigere Teil der beiden ist. Loszulassen und uns selbst einzugestehen, dass wir vielleicht nicht immer Recht hatten und vielleicht auch lange an den falschen Ideen, Gewohnheiten und Glaubenssätzen festgehalten haben, erfordert Mut und innere Stärke. Das Ego findet es nämlich für gewöhnlich überhaupt nicht gut, sich seine Irrtümer einzugestehen.
Es geht bei Vairagya aber eigentlich gar nicht darum, was wir falsch gelernt oder falsch gemacht haben. Es geht darum, all das loszulassen. Die Dinge gut sein zu lassen, sie hinter uns zu lassen und Raum zu schaffen, sodass unser inneres Gefäß mit den neuen Ideen und Gewohnheiten von Abhyasa aufgefüllt werden kann.
Was sind deine Gedanken zu diesen zwei Flügeln des Yoga? Ich würde mich freuen, von dir zu hören!
Deine Laura
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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
Liebe Laura, vielen Dank für deine Gedanken und Infos im Blog über Abhyasa und Vairagya. Genau, das merkt man auch sehr, wenn man schon lange Yoga übt. 20 Jahre Iyengar. Ich bin auch Yogalehrerin und stelle auch immer wieder fest, wie wichtig es ist, gelerntes loszulassen, damit neues Platz hat. Was ich auch feststelle, bezüglich Weiterbildungen mit Lehrern. Früher in den Anfängen, sog ich alles rein wie ein Schwamm. Heute wähle ich geziehlt meine Lehrer aus, und da gibt es nicht mehr viele. So ist alles klarer und die Weiterentwicklung ist einfacher für mich, damit ich weiss, wo es lang geht und was ich möchte für mich und meine Schüler. Ich finde es super toll, deine Youtube, deine Blogs, das Weiterverbreiten von Iyengaryoga. Vielen Dank und mach weiter so. Lieber Gruss Caroline aus Basel – CH
Hallo Caroline,
lieben Dank für deine Nachricht. Ich stimme dir absolut zu, auch bei Lehrern ist es gut, loszulassen und sich zu fokussieren. Meine Lehrerin hat immer zu uns gesagt, dass wir uns nur selbst verwirren, wenn wir von einem Lehrer zum nächsten laufen. Es ist viel wertvoller, bei einer Person (oder ein paar wenigen) zu bleiben, um mit ihnen in die Tiefe zu gehen.
Ich fühle mich ganz geehrt, dass du als jahrelange Iyengar Yoga Übende meine Arbeit wertschätzt 🙂 Lieben Dank dafür und alles Gute für dich! Laura